Sonntag - 05. September 2010
   
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Letzte Aktualisierung:
28.02.2010




Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr sorgte für spannende Diskussionen in unserem Ortsverband. Die Meinungen über die Notwendigkeit dieses Einsatzes sind geteilt. Wie es sich für Bildungsbürger gehört, setzen wir jedoch die Information an den Anfang des Geschehens.


Schwierige Meinungsbildung
Einsatz in Afghanistan
 



Schwierige Meinungsbildung

Als Afghanistan im Dezember 1979 von den Kommunisten besetzt wurde, war dies territorial eine Fortsetzung des russischen Zarismus, der stets das "Streben nach den warmen Meeren" betrieben hatte.

Politisch ging es um die Ausdehnung des Kommunismus. Faktisch war es wiedereinmal nichts anderes als Imperialismus. Für alle Sozialisten/Kommunisten eine schmerzhafte Feststellung, denn gerade darin meinten sie sich ja vom bösen Kapitalismus unterscheiden zu können.

Daraus ergibt sich die Grundsatzfrage, warum man überhaupt in fremden Ländern mit eigenen Soldaten stehen sollte. Bisher hat noch jeder Eroberer erklärt, er wäre zu Hilfe gerufen worden. Dies bedeutet, die Antwort muss das jeweilige Volk des Entsende- und des Aufnahmestaates geben.

Die Meinung des afghanischen Volkes fällt insgesamt positiv über die Bundeswehr aus - was man über manch andere Armee anderer Nationen nicht sagen kann. Jedenfalls unterstellt wohl niemand ernsthaft, dass die Bundeswehr Afghanistan erobern würde oder wir sonst irgendeinen imperialistischen Vorteil daraus ziehen würden.

Außer einem gewissen Lafontaine, aber der ist ja auch bemüht, die Diktatur DDR und ihre Morde an der innerdeutschen Grenze   mit der deutschen Entwicklungshilfe und dem Terrorschutz am Hindukusch gleichzusetzen.

Was wirklich problematisch ist, ist die Aussage des damaligen SPD-Verteidigungs-ministers Peter Struck, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt würde. Wo bitteschön ist denn dann die Grenze dieser Verteidigung? Sollen wir denn in jedes Land der Erde einmarschieren, wo sich Islamisten herumtreiben, um ihnen das Handwerk zu legen?  Es gibt ja noch mehr Gefahren auf der Welt, als nur den Islamismus.

Warum sind wir dann nicht auch in den Sudan einmarschiert, oder haben in Ruanda zugeschlagen - so wie im Kosovo - als der Massenmord tobte. Kommen wir denn nur bei Islamisten?  Oder gibt es für Afrika andere Maßstäbe als für Asien?

Unabhängig von einer kontroversen Diskussion - auch in unserem Ortsverband - halten wir daran fest,

  • dass Menschenrechte unteilbar sind und für alle Menschen gleichermaßen gelten, und
  • dass unsere Bundeswehr-Soldaten den Rückhalt der Politik und der Bürgerinnen und Bürger für ihren gefahrvollen und ehrenhaften Einsatz in vollem Umfang verdient haben.
Die Frage des Einsatzes der Bundeswehr, ob und wie wir diese Einsätze wollen, ist eine politische. Und damit ist es nicht nur eine Frage von Gelehrtenzirkeln und Politikern, sondern eine Frage aller politischen Menschen.

Wir stehen nicht für einfache Antworten auf hochkomplexe Sachverhalte. Dies ist den Populisten vorbehalten.


Gunnar Ott



Einsatz in Afghanistan

*Einsatz in Afghanistan*
 
*Ein Beitrag im Vorfeld der Londoner Afghanistan-Konferenz *
 
Auf dem Petersberg wurde 2001 nach dem Sturz des Talibanregimes der politische 
Wiederaufbau für die Zeit von 2001 bis 2005 beschlossen. Die Londoner Konferenz 
regelte die internationale Zusammenarbeit für 2006 bis 2011. Die politische 
Absichtserklärung wurde von der afghanischen Regierung, den Vereinten Nationen 
und der internationalen Gemeinschaft, 66 Staaten und 15 Internationale 
Organisationen beschlossen.
 
Die 44 Länder, die Truppen für den Afghanistan-Einsatz stellen, haben sich mit 
der afghanischen Regierung auf ein Konzept geeinigt, das  den Afghanen die 
Übernahme der Verantwortung für die innere Sicherheit erleichtert und den 
Truppenstellern einen Abzug ermöglichen soll. Für die Londoner Konferenz werden 
70 Delegationen erwartet.
 
 
 
Die United Nations Assistance Mission (UNAMA) in Afghanistan ist seit 2002 für 
politische Maßnahmen und die Unterstützung des Aufbaus zuständig. Die 
Zusammenarbeit mit der afghanischen Regierung erfolgt im Joint Coordination an 
Monitoring Board. Im Country Team hat die UNAMA den Vorsitz und koordiniert die 
Aktivitäten von 24 anderen UN-Organisationen und den zahlreichen 
internationalen und nationalen Nicht-Regierungsorganisationen. Ein schwerer 
Mangel ist, dass ein Abkommen, das die Zusammenarbeit zwischen der UNAMA und der 
NATO regelt.
 
 
 
Die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe, kurz ISAF (aus dem engl.  
International Security Assistance Force), ist eine Sicherheits- und 
Auf-baumission unter NATO-Führung in Afghanistan. Die Aufstellung erfolgte auf 
Ersuchen der Teilnehmer der ersten Afghanistan-Konferenz 2001 an die 
internationale Gemeinschaft und mit Genehmigung durch den Sicherheitsrat der 
Vereinten Nationen (Resolution 1386 vom 20. Dezember 2001). Der Einsatz ist 
keine Blauhelm-Mission, sondern ein sogenannter friedenserzwingender Einsatz 
unter Verantwortung der beteiligten Staaten. Das Mandat für die Beteiligung 
deutscher Soldaten am ISAF-Einsatz wurde am 22. Dezember 2001 erteilt. In der 
deutschen Terminologie wird die ISAF häufig auch als Schutztruppe bezeichnet. 
Vermehrt werden afghanische Sicherheitskräfte mit dem Ziel, ihnen die 
Verantwortung zu übertragen, ausgebildet. Die EU ist mit 220 Polizisten für die 
Ausbildung von 82.000 afghanischen Polizisten zuständig. Deutsche Feldjäger 
helfen bei der Ausbildung.
 
Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September erklärten die USA den 
sogenannten Krieg gegen den internationalen Terrorismus. Eine der Maßnahmen im 
Rahmen dieses Krieges ist die Operation Enduring Freedom. Sie begann am 7. 
Oktober 2001 und hat das Ziel, Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von 
Terroristen auszuschalten, Terroristen zu bekämpfen, gefangen zu nehmen und vor 
Gericht zu stellen. Außerdem sollen Dritte dauerhaft von der Unterstützung 
terroristischer Aktivitäten abgehalten werden. An der Operation sind inzwischen 
etwa 70 Nationen beteiligt, darunter Deutschland. Als Rechtsgrundlage wird 
Resolution 1368 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vom 12. September 
2001 in Anspruch genommen. Diese Resolution verurteilte die Ereignisse vom 11. 
September 2001 als grauenhafte Terroranschläge und als Bedrohung für den 
internationalen Frieden und die internationale Sicherheit. Die Resolution 
bekräftigt das Recht zur individuellen und kollektiven Selbstverteidigung und 
bestätigt die Notwendigkeit, alle erforderlichen Schritte gegen zukünftige 
Bedrohungen zu unternehmen.
 
 
 
Die Bundesrepublik ist der drittgrößte Truppensteller. Die Bundeswehr führt das 
Regionalkommando Nord in Mazar-e-Sharif einschließlich der Forward Support Base 
und der Quick Recation Force als Reserve. Von fünf Provincial Reconstruction 
Teams (PRT) im Norden Afghanistans stellt die Bundeswehr zwei, Feyzabad und 
Kundus und ein Provincial Advisory Team (PAT) in Taloquan.
 
Inzwischen haben wir erkannt, dass wir unser Engagement  mit Hoffnungen und 
Illussionen überfrachtet hatten. Wir müssen zurück zur Realität und sollten uns 
auf das Machbare konzentrieren. Hierbei ergeben sich Forderungen
 
1.     Die Bundesregierung muss im Rahmen der UNO und der NATO für ihren eigenen 
Verantwortungsbereich eindeutige eigene politische, militärische, 
wirtschaftliche und bildungspolitische Ziele vorgeben und in der Mitte der 
Legislaturperiode mit einer Regierungserklärung Rechenschaft ablegen.
 
2.     Die Bundesregierung soll eine Task Force bilden, der Leiter mit  
entsprechenden Vollmachten ausgestattet werden. Die Task-Force soll die 
Maßnahmen der Bundeswehr, des Außenministeriums, des 
Entwicklungshilfeministeriums und der Innenministerien sowie der 
Nicht-Regierungsorganisationen koordinieren und die deutschen Hilfsmaßnahmen 
mit der UNO, der NATO, den anderen an der Afghanistanhilfe beteiligten Staaten
 
3.     Die Ausbildung von bisher 82.00 afghanischen Polizisten mit nur 240 
Polizisten muss unzureichend bleiben. Grundlage muss ein Konzept sein, das den 
örtlichen Gegebenheiten und auch den Ansprüchen der verschiedenen Stämme 
entspricht. Eine Aufstockung auf 109.000 scheint möglich, die von den USA 
verlangten 140.000 überfordern die afghanische Regierung.
 
4.     Die afghanische nationale Armee (ANA) mit ihren geplanten 260.000 
Soldaten soll Zug um Zug in die Verantwortung einbezogen werden.
 
5.     Der Schutz der deutschen Soldaten muss verbessert werden, die Ausbildung 
realitätsnäher erfolgen, die Ausrüstung der Bundeswehr den Bedingungen des 
Einsatzes besser angepasst werden.
 
6.     Die Betreuung von im Auslandseinsatz verwundeten Soldaten und der 
Angehörigen, auch der Gefallenen, soll von einem Verantwortlichen übernommen 
werden, das angekündigte Trauma-Zentrum auch eingerichtet werden. Die Betreuung 
muss auch den Polizisten, den Mitarbeitern deutscher Ministerien und 
Hilfsorganisationen angeboten werden.
 
Kritik
 
1.     Beim Aufbau von Polizei und Armee werden wie bei der gescheiterten 
„Nationen Building“ westliche Maßstäbe und Methoden angewandt. Die gesteckten 
Ziele sind bei der hohen Analphabetenrate und der geringen Verlässlichkeit 
offensichtlich zu anspruchsvoll formuliert.
 
2.     Die afghanische Bevölkerung muss eine spürbare Verbesserung der 
Lebensumstände erleben. Die zu erreichenden Ziele müssen realitätsnah 
formuliert, die Anstrengungen der zahlreichen Helfer koordiniert die 
notwendigen Mittel auch zur Verfügung gestellt werden.
 
3.     Als Grundlage für eine effektivere Nutzung der Ressourcen fehlt für eine 
Entscheidung eine Zwischenbilanz der Ministerien und der vielen Organisationen
 
4.     Im Koalitionsvertrag ist die Ernennung eines Sonderbotschafters 
vor-gesehen. Wenn er ohne Vollmachten nur berichten darf, dann ist das zu wenig. 
Der Ehrgeiz der Ministerien und der staatlichen Organistionen sowie der 
zahlreichen Hilfsorganisationen in allen Ehren, entscheidend ist, was in den 
afghanischen Dörfern ankommt. Das ist bis jetzt zu wenig.
 
5.     Polizeibeamte können nicht wie Soldaten kommandiert werden. Es ist 
dringend erforderlich, die Zahl der Ausbilder zu erhöhen und Anreize zu 
schaffen, damit genügend qualifizierte Polizisten bereitstehen.
 
6.     Der Verteidigungsminister hat sich bisher zu den Mängeln, wenn überhaupt, 
nur verklausuliert geäußert. Es fehlt ein Weißbuch zur Verteidigungspolitik. 
Der Verteidigungsausschuss ist, zumindest was die Öffentlichkeit angeht, seiner 
Aufgabe nicht gerecht geworden. Bezeichnend ist, MdB Nachtwey (Die Grünen) ist 
offensichtlich der Abgeordnete mit den meisten Truppenbesuchen in Afghanistan. 
Der Bürgermeister von Neunkirchen fand bei der Trauerfeier für einen gefallenen 
Soldaten deutlich Worte der Kritik zur Ausrüstung und Ausstattung der Soldaten. 
Eine Reaktion des Verteidigungsministers oder des Generalinspekteurs war nicht 
zu erkennen.
 
7.     Es melden sich mit Kritik der Bundeswehr auch der Reservistenverband zu 
Wort, der Wehrbeauftragte, eigentlich für die Innere Führung zuständig, 
berichtet über Mängel. In der Presse kann man lesen, die Ausbildung der 
Bundeswehr-Kraftfahrer erfolge in Deutschland nicht immer an den in Afghanistan 
eingesetzten Fahrzeugen. Der Verlust von 38 geschützten Fahrzeugen sei bisher 
noch nicht ersetzt worden. Das dringend benötigte Halstuch stehe in keiner 
Vorschrift und werde auch dementsprechend nicht geliefert. Die vorhandenen 
Führungsmittel seien nicht ausreichend. Es fehlten Rüstsätze „Infanterist der 
Zukunft.“ Die Liste lässt sich mühelos verlängern.
 
8.      Es muss einen Verantwortlichen geben, der als Ansprechpartner für alle 
in Afghanistan schwer Erkrankten, Verwundeten, Traumatisierten zur Verfügung 
steht und es nicht dem Zufall überlassen wird, dass alles Erforderliche 
unternommen wird. Die trauernden Angehörigen müssen verständnisvoll beraten, 
vor allem aber von dem administrativen Aufwand entlastet werden.
 
 
 
Ein Abzug der Bundesrepublik aus allen Aktivitäten in Afghanistan ist nur 
 zusammen mit der internationalen Gemeinschaft, vor allem aber nur mit unseren 
Bündnispartnern in der NATO und in der EU  möglich. Dabei müssen wir die von uns 
eingegangenen rechtlichen Verpflichtungen respektieren. Wir sind auch gegenüber 
dem afghanischen Volk im Wort. Ein Abzug ohne stabile Sicherheitslage gefährdet 
alle Afghanen, die uns geglaubt, uns vertraut, mit uns zusammengearbeitet  
haben. Unser Abzug darf von den Taliban nicht als Sieg gefeiert werden.
 
Rudolf Nassua
 
 






 
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